there is no change lighter 30./ 31. May 2003 20 uhr bühne dock4 kassel
tanzperformance
das tanzsolo "there is no change lighter" verbindet tanz und literatur, im tanz eine nicht ganz gewöhnliche verbindung. Bettina helmrich nimmt gertrude steins texte als grundstruktur ihres tanzsolo.
Gertrude stein wollte in ihrer sprache das schaffen, was der kubismus mit farbe und linie gemacht hat: absehen von jeglicher art (wiedererkennbarer) repräsentation der dinge und gleichzeitig deren kern, deren wesen, aus eigener sicht erfassen.
Die texte, portraits und beschreibungen, sind temporäre schnappschüsse, die aber keine feststehenden bilder wiederspiegeln, sondern fortlaufende entwicklungen. Die bilder, die entstehen, verbinden verschiedenste wahrnehmungsebenen: reale formenbeschreibung, assoziation, funktion, kontext.
Statt mit wortsprache die dinge zu erfassen, werden diese in dem tanzstück
"there is no change lighter" mit der sprache des körpers - der bewegung - erfasst.
Dabei stellt sich die frage nach dem wesen der bewegung. Wie erinnert die tänzerin eine bewegung, welche bilder entstehen durch die bewegung innen und außen, welche wahrnehmungsebenen verbindet der körper im tanz? Erinnern wir in feststehenden bildern oder in einem fortlaufenden film?
sehhilfe
so erstaunlich es klingen mag: man kann mit dem körper denken. Jeder mensch kann es, und tänzerinnen müssen es. Die fähigkeit, die tänzerinnen nutzen, ist jedem menschen gegeben. Wie denn auch jeder noch so passiv erscheinende tanzbesuchende mit seinem gesamten körper auf die ihm angebotene körperlichkeit auf der bühne reagiert. Er/sie tanzt innerlich mit, ein gespür dafür besitzend, ob die bewegungen, die er/sie im tanz sieht und die einen nachhall in seinem eigenen körper finden, eine gewisse folgerichtigkeit, mithin eine physische logik haben. Das schränkt den kanon der möglichkeiten nicht ein, denn es gibt nicht nur eine logik, sondern hunderte, tausende von verknüpfungsmöglichkeiten, aus denen die choreographin oder tänzerin auswählt. Hier bewegen wir uns jenseits intellektueller bedeutungskategorien, sondern in inneren parametern für die
“"stimmigkeit" einer bewegung.
Die lesbarkeit des tanzes liegt weniger in der analyse und dechiffrierung des körpers als im prinzip des dauernden wandels, so daß er am ehesten metaphorisch begriffen werden kann.
Eine metapher aber ist etwas - um mit heiner müller zu reden - das auf nichts zurückgeführt werden kann. So
"bedeutet" bewegung nichts, jedoch durch den kontext, in dem sie entsteht, bekommt sie bedeutung, aber mehr auf der ebene bewegter energie in zeit und raum.
There is no change lighter ist ein stück, das "wenn auch in der sprache der mitteilung abgefasst, nicht im sprachspiel der mitteilung verwendet wird." der gelesene text ebenso wie der tanz ist nicht beschreibend, sondern unterliegt dem prinzip des dauernden wandels.
Konzept/tanz/choroegraphie: bettina helmrich